Pronomen nicht-binär: xier, dey, en und wie du richtig fragst
Die Wörter, mit denen andere über dich sprechen, wenn du nicht selbst redest. Wie sie im Deutschen funktionieren, welche neutralen Formen es gibt und wie du fragst.
Was Pronomen sind
Pronomen sind die kurzen Wörter, die für einen Namen stehen, sobald alle wissen, wer gemeint ist: er, sie, ihm, ihr. Ein Geschlecht tragen vor allem die Pronomen der dritten Person, also meistens die Wörter, die andere über dich benutzen.
Zu jedem Pronomen gehören mehrere Formen, im Deutschen eine für jeden Fall: er, ihn, ihm und dazu das Possessiv sein. Wer sich mit er/ihm vorstellt, verlässt sich darauf, dass du den Rest selbst ableitest. Der Glossareintrag Pronomensatz erklärt das genauer.
Pronomen sagen dir, wie du über jemanden sprichst. Sie sagen nichts über Geschlecht, Geschichte oder Körper einer Person. Wer er benutzt, kann ein trans Mann sein, eine nicht-binäre Person oder ein cis Mann, und das Pronomen verrät nicht, was davon zutrifft. Das muss es auch nicht.
Pronomen-Sets
Warum Menschen ihre Pronomen nennen
Man sieht niemandem an, welche Pronomen die Person benutzt, und genau deshalb gibt es diese Gewohnheit. Wer die eigenen Pronomen bei der Vorstellung nennt, erspart allen das Raten. Und wenn es alle in der Runde tun, fällt niemand damit auf.
Es bleibt trotzdem ein Angebot. Wer das eigene Geschlecht gerade hinterfragt, bei der Arbeit nicht geoutet ist oder einfach keine Lust hat, darf aussetzen, und eine gute Vorstellungsrunde lässt dafür Raum. LGBTQ-Zentren an Universitäten, die für genau diese Situation Leitfäden schreiben, sagen dasselbe: einladen, nie verpflichten.
Und es heißt Pronomen, nicht bevorzugte Pronomen. Der Leitfaden von GLAAD weist darauf hin, dass der Zusatz so klang, als hätten cis Menschen Pronomen und trans Menschen Vorlieben.
Wie du fragst
Nenn deine zuerst und frag dann: „Ich bin Kim, ich benutze sie/ihr. Und du?“ Wenn ihr euch schon vorgestellt habt: „Welche Pronomen benutzt du?“ Mehr braucht es nicht. Die Frage fühlt sich eine Sekunde lang ungewohnt an, falsches Raten bleibt deutlich länger unangenehm.
Frag einmal und merk es dir. Wenn du es vergisst, ist „Sagst du mir noch mal deine Pronomen?“ völlig in Ordnung und viel besser, als den ganzen Abend um jedes Pronomen herumzureden.
Wenn du noch nicht fragen kannst, benutz den Namen. Ein neutrales Pronomen, auf das du für alle ausweichen könntest, gibt es im Deutschen nicht, und der Name funktioniert in jedem Satz.
Wenn du dich vertust
Das passiert irgendwann. Korrigier das Wort und mach weiter: „sie, sorry“, dann der Rest des Satzes. Eine lange Entschuldigung macht aus deinem Versprecher eine Aufgabe für die andere Person. Warum, erklärt der Glossareintrag Misgendern. Und wenn du selbst misgendert wirst, findest du in dieser Antwort Sätze für den Moment.
Neutrale Pronomen im Deutschen
Im Deutschen löst ein neues Pronomen nur einen Teil des Problems. Artikel, Adjektive, viele Nomen (Lehrer, Lehrerin) und die Pronomen er und sie tragen ein Geschlecht, also ist mit dem Pronomen der Rest des Satzes noch nicht geklärt. Neopronomen brauchen außerdem eigene Formen für jeden Fall, deshalb kommen deutsche Vorschläge meist mit einer Deklinationstabelle.
Das eine neutrale Pronomen gibt es nicht. Am besten dokumentiert sind xier und sier von Illi Anna Heger. Hegers eigene Website datiert den Beginn der Arbeit auf 2009, das Community-Wiki nibi.space nennt 2008 und datiert die xier-Version auf 2012. Die Formen lauten xier, xieser, xiem, xien, die Possessive beginnen mit xies-. Laut nibi.space reimt sich xier auf Tier, beginnt aber mit einem k-Laut. Gelegentlich taucht xier in Presseberichten und Übersetzungen auf.
Dey wird auf mehrere Arten dekliniert, etwa als dey, deren, denen oder als dey, deren, dem. Nibi.space führt es auf eine anonyme Frage an einen Tumblr-Blog zurück.
En, dekliniert en, ens, em, en, wurde 2018 auf einem österreichischen LGBTIQA+-Kongress in St. Pölten vorgeschlagen, als Mischung aus er, es und dem schwedischen hen. Der Verein für geschlechtsneutrales Deutsch empfiehlt es. Dazu kommen hen selbst, aus dem Schwedischen entlehnt, und das englische they, unverändert übernommen.
Ebenfalls verbreitet ist, statt eines Pronomens einfach den Vornamen zu benutzen, vor allem bei Menschen, die kein Pronomen verwenden.
Welche Pronomen am häufigsten sind
In einer Online-Umfrage des Vereins für geschlechtsneutrales Deutsch von 2022 mit 899 Teilnehmenden waren dey, hen, en, they und sier die meistgenutzten Neopronomen. Der Verein wirbt für sein eigenes System, lies die Rangfolge also mit diesem Wissen. Repräsentative Zahlen haben wir nicht gefunden.
Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich
Bei Nomen greifen viele zum Gendersternchen (Lehrer*innen), zum Doppelpunkt (Lehrer:innen) oder zum Unterstrich (Lehrer_innen). Diese Schreibweisen sollen nicht-binäre Menschen einschließen, bauen aber weiter auf der männlichen und der weiblichen Form auf. Es gibt auch vollständig neutrale Systeme für Nomen, etwa das -e-System des Vereins (Schülere, Studente), doch sie sind eine Randerscheinung.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat es im März 2021 abgelehnt, Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt in die amtliche Rechtschreibung aufzunehmen. Im Juli 2023 stellte er fest, dass solche Zeichen im Wortinneren nicht zum Kernbestand der deutschen Orthografie gehören und ungeklärte grammatische Folgeprobleme verursachen können (der*die Präsident*in); ihre Verwendung beobachtet er weiter. Bayern hat sie per Kabinettsbeschluss vom 19. März 2024 in Schulen, Hochschulen und Verwaltung verboten, und laut der deutschen Wikipedia sind sie in Hessen im Abitur untersagt.
Englische Sets, die dir online begegnen
Online begegnen dir auch englische Sets, und they war in der Umfrage des Vereins eines der fünf meistgenutzten Neopronomen. Für jedes gängige englische Set gibt es eine eigene Seite:
He/him: he, him, his, his, himself.
She/her: she, her, her, hers, herself.
They/them: they, them, their, theirs, themself oder themselves, mit Verben im Plural.
She/they und he/they: zwei Sets, beide richtig für die Person.
Xe/xem: xe, xem, xyr, xyrs, xemself.
Ze/zir: ze, zir, zir, zirs, zirself.
Ze/hir: ze, hir, hir, hirs, hirself.
Fae/faer: fae, faer, faer, faers, faerself.
E/em (Spivak): e, em, eir, eirs, emself.
It/its: it, it, its, its, itself, und nur für Menschen, die darum bitten.
Any pronouns: Für diese Person ist mehr als ein Set in Ordnung.
No pronouns: Statt eines Pronomens kommt der Name.
Darüber hinaus gibt es viele weitere, weniger verbreitete Neopronomen und Xenopronomen, außerdem Spiegelpronomen: Dabei benutzt du für jemanden das Pronomen, das du für dich selbst verwendest.
Wie verbreitet die englischen Sets sind
Die ausführlichste regelmäßige Quelle, die wir kennen, ist der Gender Census, eine Umfrage für alle, deren Geschlecht nicht sauber in die Binarität passt. 2025 nahmen 43.096 Menschen teil. They/them wählten 75,0 %, he/him 40,6 %, she/her 34,1 % und it/its 22,8 %, und 14,4 % wollten lieber keine Pronomen und stattdessen ihren Namen. Unter den Neopronomen auf der Liste kam xe/xem auf 8,8 %, fae/faer auf 6,2 % und ze/zir auf 5,7 %. Mehrfachnennungen waren möglich.
Diese Zahlen sind eine Momentaufnahme einer bestimmten Gruppe. Die Person hinter der Umfrage sagt offen, dass die Teilnehmenden sie über soziale Medien finden und überwiegend jung sind und in den USA leben. Die Zahlen zeigen, dass diese Sets wirklich benutzt werden. Wie häufig sie dort sind, wo du lebst, zeigen sie nicht.
Laut üben
Ein Set zu kennen und es mitten im Satz zu sagen, sind zwei verschiedene Fähigkeiten. Die Übungsseite für Pronomen setzt einen Namen und ein Set in Alltagssätze ein, auch für dey, en oder xier, damit du sie laut lesen kannst, bis die neuen Wörter nicht mehr hängen bleiben.
Häufige Fragen
Welche Pronomen benutzen nicht-binäre Menschen im Deutschen?
Ein einheitliches neutrales Pronomen gibt es nicht. Benutzt werden Neopronomen wie dey, hen, en, sier und xier, das englische they oder statt eines Pronomens einfach der Vorname. Manche nicht-binären Menschen benutzen auch er oder sie.
Wie spricht man xier aus?
Laut dem Community-Wiki nibi.space reimt sich xier auf Tier und beginnt mit einem k-Laut. Wenn eine Person es anders ausspricht, richte dich nach ihr.
Was bedeutet das Pronomen dey?
Dey ist eines der neutralen Neopronomen im Deutschen. In der Umfrage des Vereins für geschlechtsneutrales Deutsch von 2022 gehörte es zu den meistgenutzten. Es wird unterschiedlich dekliniert, etwa dey, deren, denen, also frag nach den Formen.
Wie frage ich jemanden nach den Pronomen?
Nenn deine zuerst und frag dann: Ich benutze er/ihm, und du? Wenn du es später vergisst, frag noch einmal, statt zu raten.
Ist es unhöflich, nach Pronomen zu fragen?
Nein. Unhöflich ist Drängeln. Frag einmal, akzeptiere jede Antwort, auch keine, und benutz in der Zwischenzeit den Namen.
Sagt man bevorzugte Pronomen?
Nein. Pronomen reicht. Das Wort bevorzugt legt nahe, dass die andere Möglichkeit ebenfalls akzeptabel wäre.